Gerade in Deutschland, wo Themen wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung tief in den gesellschaftlichen Diskurs eingebettet sind, gewinnt diese Form des Unternehmertums zunehmend an Bedeutung.
Doch was genau steckt hinter dem Begriff? Wie unterscheidet er sich von klassischem Unternehmertum, und welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich für Gründerinnen und Gründer in Deutschland?
Was bedeutet Social Impact Entrepreneurship?
Social Impact Entrepreneurship beschreibt eine unternehmerische Tätigkeit, die nicht primär auf Profitmaximierung abzielt, sondern auf die Lösung gesellschaftlicher oder ökologischer Probleme. Dabei steht der sogenannte “Impact” – also die messbare, positive Wirkung – im Mittelpunkt.
Wichtige Merkmale:
- Doppeltes Ziel: Kombination von wirtschaftlichem Erfolg und sozialem/ökologischem Mehrwert.
- Innovationsfokus: Einsatz neuer Geschäftsmodelle, Technologien oder Organisationsformen zur Lösung komplexer Probleme.
- Messbarkeit: Wirkung wird durch Kennzahlen wie CO₂-Reduktion, Bildungszugang oder Armutsbekämpfung evaluiert.
Beispiel: Ein Start-up, das modulare Solarsysteme für einkommensschwache Haushalte entwickelt, verfolgt nicht nur ökonomische Ziele, sondern trägt auch direkt zur Energiewende und sozialen Teilhabe bei.
Unterschiede zum klassischen Unternehmertum
Der zentrale Unterschied liegt in der Prioritätensetzung:
- Traditionelles Unternehmertum: Gewinnmaximierung als Hauptziel, gesellschaftlicher Nutzen eher Nebenprodukt (Corporate Social Responsibility).
- Social Impact Entrepreneurship: Gesellschaftlicher oder ökologischer Nutzen als Kernaufgabe, Gewinn als Mittel zur Skalierung und Nachhaltigkeit.
Man könnte sagen: Während CSR im klassischen Unternehmen oft ein Zusatzprogramm ist, ist beim Social Impact Entrepreneur der Purpose die DNA des Geschäftsmodells.
Historischer Hintergrund
Der Begriff ist eng mit Bewegungen wie Social Business von Muhammad Yunus (Friedensnobelpreisträger, Gründer der Grameen Bank) verbunden. Schon in den 1970er-Jahren entstanden erste Initiativen, die Armut und Ungleichheit mit marktbasierten Lösungen bekämpfen wollten.
In Europa – besonders in Deutschland – erlebte das Thema ab den 2000er-Jahren Aufschwung, unter anderem durch:
- Die Gründung von Ashoka Deutschland (2003), einer Organisation zur Förderung von Sozialunternehmern.
- Politische Programme wie die Nationale Strategie für soziale Innovationen der Bundesregierung.
- Die zunehmende Orientierung der EU auf Nachhaltigkeit und Impact Investments.
Relevanz für Deutschland
Deutschland gilt heute als einer der wichtigsten Standorte für Social Impact Entrepreneurship in Europa. Gründe dafür sind:
- Starkes soziales Bewusstsein: Themen wie Klimaschutz, Gleichberechtigung oder Integration sind fest im öffentlichen Diskurs verankert.
- Förderlandschaft: Zahlreiche Stiftungen, Förderprogramme und Impact-Investoren unterstützen Gründerinnen und Gründer.
- Infrastruktur: Netzwerke, Acceleratoren und Hubs wie Social Impact Lab Berlin, SEND e.V. oder Impact Hub Hamburg.
Laut einer Studie des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND) gibt es mittlerweile mehrere tausend Sozialunternehmen in Deutschland – Tendenz steigend.
Beispiele aus der Praxis
1. Viva con Agua
Ein Hamburger Social Business, das mit Wasserprojekten weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht. Finanziert durch Spendenaktionen, Events und den Verkauf eigener Produkte wie Mineralwasser oder Merchandise.
2. Einhorn
Ein Berliner Start-up, das vegane, nachhaltige Kondome und Periodenprodukte produziert. Ziel: faire Arbeitsbedingungen in der Lieferkette und Enttabuisierung von Sexualität.
3. Climate Farmers
Unterstützt Landwirte in Europa beim Übergang zu regenerativer Landwirtschaft und schafft CO₂-Zertifikate für Unternehmen.
Diese Beispiele zeigen: Social Impact Entrepreneurship ist in Deutschland nicht nur ein Nischenthema, sondern eine Bewegung mit wachsender wirtschaftlicher Relevanz.
Welche Bereiche deckt Social Impact Entrepreneurship ab?
Die Felder, in denen Social Impact Entrepreneurs tätig sind, sind breit gefächert. Besonders sichtbar ist das Engagement im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit, etwa durch Projekte zur Kreislaufwirtschaft, erneuerbare Energien oder ressourcenschonende Produktion.
Auch Bildung spielt eine zentrale Rolle, etwa mit digitalen Lernangeboten für benachteiligte Gruppen oder Programmen zur Integration von Geflüchteten.
Im Gesundheitsbereich entstehen Initiativen zur Prävention, zur Förderung psychischer Gesundheit oder zur Nutzung digitaler Technologien für eine bessere Versorgung.
Ebenso wichtig ist der Bereich soziale Teilhabe, wo Unternehmen Modelle entwickeln, um Armut, Diskriminierung oder Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.
Schließlich gewinnt auch nachhaltige Mobilität zunehmend an Bedeutung, mit Angeboten für Sharing-Modelle, Elektromobilität oder regionale Transportlösungen.
Finanzierungsmöglichkeiten
Eine der größten Hürden für Social Entrepreneurs ist die Finanzierung. Klassische Investoren orientieren sich stark an Renditen und haben häufig weniger Interesse an Projekten, deren Hauptziel nicht in der Gewinnmaximierung liegt. Gleichzeitig sind staatliche Fördergelder begrenzt.
In Deutschland entwickelt sich jedoch eine vielfältige Finanzierungslandschaft. Impact Investing gewinnt an Bedeutung. Dabei geht es darum, Investitionen so zu gestalten, dass sie neben einer finanziellen Rendite auch messbare soziale oder ökologische Wirkungen erzielen.
Stiftungen wie die BMW Stiftung Herbert Quandt oder die Robert Bosch Stiftung engagieren sich aktiv in diesem Bereich.
Auch Crowdfunding spielt eine wichtige Rolle, insbesondere über Plattformen wie Startnext, die vielen Social Start-ups den Markteintritt ermöglicht haben. Darüber hinaus gibt es Programme wie EXIST oder Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds, die gezielt Gründungen in diesem Bereich unterstützen.
Chancen für Gründerinnen und Gründer
Social Impact Entrepreneurship eröffnet zahlreiche Chancen. Wer in diesem Bereich tätig ist, arbeitet an Themen, die für Gesellschaft und Umwelt von hoher Relevanz sind.
Damit verbunden ist eine besondere Attraktivität für Kunden, die bewusster konsumieren wollen, und für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nach sinnstiftender Arbeit suchen. Unternehmen mit klarer Mission und Purpose genießen häufig einen Wettbewerbsvorteil.
Hinzu kommt, dass die Politik das Feld zunehmend unterstützt. Förderprogramme werden ausgeweitet, gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst.
Gleichzeitig wächst die Zahl an Investoren, die ihr Kapital in Social Businesses anlegen wollen. Damit steigen die Möglichkeiten, auch ambitionierte Projekte umzusetzen und zu skalieren.
Ausblick: Die Zukunft von Social Impact Entrepreneurship in Deutschland
Die Bedeutung von Social Impact Entrepreneurship wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Auf europäischer Ebene sorgen der Green Deal und die Taxonomie-Verordnung dafür, dass Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in Unternehmen stärker verankert werden.
Konsumenten, insbesondere jüngere Generationen, erwarten von Unternehmen einen klaren Beitrag zur Lösung globaler Probleme. Auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich, dass Purpose-orientierte Jobs besonders attraktiv für Fachkräfte sind.
Technologische Innovationen eröffnen zusätzlich neue Möglichkeiten. Künstliche Intelligenz, Blockchain oder Modelle der Kreislaufwirtschaft können Social Entrepreneurs dabei unterstützen, effizientere und wirkungsvollere Lösungen zu entwickeln.
Deutschland könnte in diesem Prozess eine Vorreiterrolle in Europa einnehmen, wenn es gelingt, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen und das Feld systematisch zu fördern.
Fazit
Social Impact Entrepreneurship bedeutet, Unternehmertum neu zu denken. Es geht nicht darum, Gewinn abzuschaffen, sondern diesen in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.
Für Deutschland bietet dieses Modell enormes Potenzial – wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Gründerinnen und Gründer, die diesen Weg einschlagen, müssen sich zwar auf zusätzliche Herausforderungen einstellen, doch der Gewinn an gesellschaftlicher Relevanz, Sinnstiftung und nachhaltigem Einfluss ist groß.
Am Ende geht es darum, Unternehmen zu schaffen, die nicht nur erfolgreich sind, sondern die Welt ein Stück besser machen.







